Als ich ein kleines Mädchen war, hab ich mich unfassbar geschämt.
Dafür, dass es mir so unfassbar gut geht.
Dafür, dass ich so scheiße privilegiert bin.
Dafür, dass ich immer satt bin.
Dafür, dass ich nicht nur einen, sondern gleich zwei Pässe habe.
Dafür, dass meine Eltern mit mir die Welt bereisen.
Dafür, dass sie mich förderten. Beim Singen. Schreiben. Malen. Kreativ sein.
Beim Politik machen. Beim Demos organisieren. Beim Schülersprecherin sein.
Ich fand das alles unfassbar unfair.
All jenen gegenüber, die dieses Glück nicht haben.
Und meine Eltern?
Meine Eltern haben mir beigebracht, dass es nichts bringt, deswegen Tränen zu vergießen.
Weil das nichts - aber auch wirklich gar nichts - ändert für die Welt.
„Schäm dich nicht für deine Chancen. Mach was draus. Nicht nur für dich. Sondern für die Welt!“
Mit diesem Credo bin ich aufgewachsen. Das war nicht immer leicht.
Weil gut nie gut genug ist, wenn man die Welt verändern will.
Weil ok nicht ok ist, wenn man nicht nur selbst mehr von sich erwartet.
Wenn „mehr“ normal ist.
"Sei laut."
"Mach deinen Mund auf."
"Sei nicht Everybodys-Darling. Sei ein Unterschied.“
Natürlich scheitert man daran.
Weil man immer mehr von sich erwartet.
Natürlich wird man belächelt.
Als Utopist.
Als Gutmensch.
Als Streber.
Aber was ist das doch für ein unfassbares Privileg.
Und was hab ich doch für unfassbar ermutigende Vorbilder.
Ich hab meine Eltern beobachtet, seitdem ich denken kann.
Hab meine Mama bewundert. Nicht nur, weil sie meine Mama ist.
Sondern für das, was sie als Frau gerockt hat.
Wie sie als Französin ohne ein Wort deutsch zu sprechen hier her kam.
Um dann ausgerechnet Medizin zu studieren. Ohne Geld. Ohne Support von zuhause.
Nur sie. Und mein Papa. Und dann - mitten im Struggle - meine große Schwester.
Wie sie in Süddeutschland als erste Frau im Landkreis eine Praxis übernahm.
Wie sie Feminismus nicht nur diskutierte, sondern lebte. Tag für Tag.
Hab meinen Papa bewundert, der immer der war, der aussprach, was ausgesprochen werden musste.
Der sagte, was sich sonst niemand traute. Weil klar war, dass man sich damit keine Freunde macht.
Ich hab beobachtet, wie sie nie den einfachsten Weg gingen.
Sie dabei zu beobachten, begleiten und zu erleben war wahrscheinlich mein größtes Privileg.
Wenn man Eltern hat, die mit "Ärzte ohne Grenzen" regelmäßig dorthin reisen, wo die Welt brennt.
Dann kann man sich schämen. Dafür, dass man selbst keine Leben retten kann.
Oder man erkennt, dass wir alle irgendwie irgendwo einen Unterschied machen können.
Und tut dies, auch wenn das manchmal unbequem ist.
Ich bin Euch irre dankbar.
Und ich bin irre stolz.
Wenn ihr morgen den Bundesverdienstorden bekommt.
Und selbst dann noch sagt, dass ihr diesen nur stellvertretend für alle Ärztinnen, Pfleger, Logistiker,… die irgendwo auf der Welt im Einsatz sind, entgegen nehmt - dann ist das nur ein weiterer Moment von vielen.
Der mir Mut macht.
DANKE!
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